Die „Regenwald-Apotheke“ ist kein fertig sortierter Medikamentenschrank, sondern ein lebendiger Wissensspeicher voller überlieferter Erfahrungen und natürlicher Spuren. Die Heilkraft der grünen Vielfalt wird von der Forschung nach und nach entschlüsselt. Darin liegen Chancen und Verantwortung zugleich.
- Vom Urwald ins Labor
- Das traditionelle Wissen nutzen ohne Ausbeutung
- Chinarindenbaum: Hilfe bei Malaria
- Kalabarbohne: Antidot bei Vergiftungen
- Jaborandi: Augenheilkunde und Speichelfluss
- Curare-Liane: vom Pfeilgift zum Muskelrelaxans
- Madagaskar-Immergrün: stark in der Krebstherapie
- Drachenblutbaum: Arzneistoff gegen Durchfall
- Regenwaldschutz ist Gesundheitsschutz
- Für künftige Generationen archivieren
ie Luft ist feuchtigkeitsgesättigt im Regenwald, und zwischen Lianen, Baumriesen und raschelnden Blättern gedeiht eine kaum überschaubare Fülle an Pflanzen. Diese außergewöhnliche Vielfalt auf engem Raum ist es, die die Regenwälder der Erde für die Suche nach medizinisch wirksamen Naturstoffen überaus spannend macht, denn Blätter, Rinden, Wurzeln und Früchte aus dem Urwald bergen Stoffe mit dem Potenzial, Beschwerden zu lindern und bei der Behandlung zahlreicher Krankheiten eine Rolle zu spielen.
Schon heute enthält rund ein Viertel aller Medikamente Wirkstoffe, die ursprünglich aus Pflanzen stammen. Doch von den Regenwaldpflanzen ist erst ein kleiner Teil systematisch untersucht. Besonders interessant für die Medizinforschung sind all jene Schutz-, Duft- und Botenstoffe, die von Pflanzen gebildet werden, um sich gegen Fraßfeinde, Pilze, Bakterien oder extreme Umweltbedingungen zu behaupten. Sie analysieren, weiterentwickeln und für die medizinische Anwendung erschließen zu können, macht Hoffnung auf neue Medikamente – und zeigt zugleich, wie überlebenswichtig es ist, die Vielfalt des Regenwaldes wie das traditionelle Wissen ihrer medizinischen Nutzung verantwortungsvoll zu erforschen und zu bewahren.
Vom Urwald ins Labor
Indigene Gemeinschaften, die in und mit dem Regenwald leben, kennen die Heilkraft vieler tropischer Pflanzen. Dieses über Generationen überlieferte Wissen ist Teil ihrer Kultur. Es zu erkunden, ist das Aufgabenfeld der Ethnomedizin – und deren Forschung ist echte Detektivarbeit.
Dr. Fabien Schultz, der die Nachwuchsforschungsgruppe Ethnopharmakologie und Zoopharmakognosie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg leitet, ist ein solcher „Detektiv in der Apotheke des Waldes“. Er studiert die traditionellen Anwendungen natürlicher Arzneien durch einheimische Heiler und fragt, welche Pflanzen bei welchen Beschwerden seit langer Zeit von bestimmten Kulturen eingesetzt werden, und erforscht sogar, wie wild lebende Tiere wie Berggorillas, Schimpansen und Elefanten heilkräftige Pflanzen nutzen. Zudem untersucht er, welche Inhaltsstoffe für eine mögliche Wirkung verantwortlich sein könnten. Ihm und seinem Team geht es nicht darum, überliefertes Wissen unkritisch zu übernehmen oder exotische Pflanzen zu Wundermitteln zu erklären. Vielmehr werden Anwendungen erstmals systematisch dokumentiert, die medizinische Wirksamkeit evaluiert und mögliche Chancen ebenso wie Risiken geprüft. Denn auch natürliche Substanzen können stark wirken, Nebenwirkungen haben oder mit
Medikamenten in Wechselwirkung treten.
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