Innerer Friede ist kein fernes Ziel, sondern eine Haltung. Lässt man bewusst Vergangenes los und übt sich in Vergebung, kann sich Ruhe im Herzen einstellen. Es ist diese Haltung, aus der die Kraft entspringt, versöhnlich auf andere zuzugehen. Nelson Mandela, die „letzte Lichtgestalt des 20. Jahrhunderts“, hat dies wie kein anderer gezeigt.
Als Nelson Mandela, der spätere Präsident Südafrikas, nach 27 Jahren endlich aus dem Gefängnis kam, wurde er gefragt, ob er noch Wut, Groll oder Verbitterung gegenüber dem Apartheit-Regime empfinde. Er sagte dazu und schrieb dies auch in seiner Autobiografie ‚Der lange Weg zur Freiheit‘: „Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben.“ Ein Satz, der auch für unser alltägliches Leben eine Richtschnur sein kann. Mandela war davon überzeugt: Solange wir Hass und Verbitterung nicht loslassen, bleiben wir nicht nur an diejenigen gebunden, die uns Unrecht zufügten, wir bleiben auch an unser vergangenes Leid gefesselt. Und wenn wir anderen etwas nachtragen, dann tragen wir selbst am schwersten daran.
Zur Person
Nelson Mandela (1918–2013) war von 1994 bis 1999 der erste schwarze Präsident von Südafrika. Der Angehörige des Volks der Xhosa gilt als herausragender Vertreter des Kampfs gegen Rassentrennung, Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit, und als wichtigster Wegbereiter des versöhnlichen Übergangs von der Apartheid zu einem gleichheitsorientierten, demokratischen Staat. Von 1962 bis 1990 war er als politischer Gefangener in Haft, davon 18 Jahre auf der Gefängnisinsel Robben Island. Nach seiner Haftentlassung verwirklichte er seine in der Gefangenschaft entwickelte Idee, eine Wahrheitskommission einzurichten. Ziel der Trust and Reconciliation Commission war es, die Verbrechen und schweren Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit klar zu dokumentieren und zu analysieren, bevor Urteile gesprochen wurden. Bereits zu Lebzeiten wurde Mandela für viele Menschen weltweit zum politischen und moralischen Vorbild. 1993 erhielt er den Friedensnobelpreis.
Die Chance auf menschliches Wachstum
Dass Nelson Mandela in den mehr als 10 000 Tagen in Haft nicht verbitterte und resignierte, ist seinem außergewöhnlichen Geist zu verdanken. Er war imstande, in dieser langen Zeit seinen inneren Frieden zu finden und dabei ganz tief an seiner Idee der Versöhnung festzuhalten. Nicht umsonst sehen ihn viele bis heute als Heiligen, als Märtyrer, als die einzige Lichtgestalt des 20. Jahrhunderts. Persönlichkeiten wie ihn, die trotz der Erfahrung von Ungerechtigkeit, Gewalt und Demütigung eine so übernatürliche Resilienz an den Tag legen, gibt es nur sehr wenige auf der Welt.
Doch wie sind solche Menschen „gestrickt“, die Gefühle von Groll, Hass und Bitterkeit hinter sich lassen können, denen selbst schwere Verletzungen ihr grundlegendes Vertrauen in das Leben nicht zu zerstören scheinen? Anstatt solche Erfahrungen zum Anlass für Rache und Vergeltung zu nehmen, suchen sie nach Möglichkeiten, mit ihrer Geschichte so besonnen umzugehen, dass weder ihnen noch anderen weiterer Schaden zugefügt wird. Sie wissen, dass Schmerz und Leid in diesem Leben nicht verhindert werden können, dass sie jedoch selbst darüber entscheiden können, wie sie sie verarbeiten. Und sie begreifen es letztlich sogar als Chance, menschlich daran zu wachsen.
Wie Nelson Mandela: 27 Jahre im Gefängnis haben an seinen Überzeugungen nichts geändert, und er ließ sich nicht brechen, im Gegenteil, er wurde immer stärker und selbstbewusster. In seiner Haft reifte er zu einem besonnenen Politiker, der ehrliche Versöhnung wollte und Südafrika einen Bürgerkrieg ersparte. Es ging ihm nicht um Vergeltung, sondern um Aufklärung, Wahrheitsfindung, Anerkennung, Versöhnung und Frieden.
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Foto: nelson mandela edited with firefly chains and butterflies/Freepik