Dopamin-Fasten – was bringt‘s wirklich?

Unser Alltag überfordert das Gehirn oft mit immer neuen Impulsen, Belohnungen und Ablenkungen. Kann das sogenannte Dopamin-Fasten diesen Kreislauf durchbrechen? Zwar vereinfacht der Trend die Rolle des Botenstoffs stark, dennoch steckt dahinter ein interessanter Ansatz für mehr Achtsamkeit, innere Ruhe und mentale Balance.  

In einer Welt voller Unsicherheit und Überforderung, zunehmender Verrohung und Be­drohung wächst die Sehnsucht nach kleinen Fluchten. Mal eben aufs Handy schauen, ins Schokodepot greifen, Aktienkurse und Sonderangebote checken oder erstmal eine rauchen. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, mental und emotional abzutauchen – und das rund um die Uhr. Gleichzeitig klagen immer mehr Menschen über das Gefühl des Gehetztseins, der inneren Rastlosigkeit und über das ewig wiederkehrende Verlangen nach „etwas Schönem“, nach ein wenig Leichtigkeit und Beruhigung. Diese Überreiztheit hat den US‑Psychologen und Verhaltensforscher Cameron Sepah 2019 das Konzept des „Dopamine Fasting 2.0“ kreieren lassen. Was er als eine Form des „Herunterfahrens“ verstanden wissen wollte, ging als popkultureller Trend unter der Bezeichnung Dopamin-Fasten oder Dopamin-Detox zunächst vor allem durch die sozialen Medien und trieb so manche fragwürdige Blüte wie „den Neustart des Belohnungssystems“.

Dopamin: Antrieb – nicht Glück!

Als „unsäglichen Quatsch“ bezeichnet der Neuromediziner, Psychotherapeut und Hirnforscher Prof. Dr. Volker Busch die Vorstellung, man könne diesen auch als „Glückshormon“ bezeichneten Botenstoff sozusagen auf Null-Diät setzen oder die Ausleitung einer schädlichen Überdosis durchführen. „Das entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage – ein gesundes Gehirn wird immer Dopamin produzieren“, betont der Leiter der Abteilung Psychosoziale Stress- und Schmerzforschung an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg. „Dopamin hat verschiedene Aufgaben im Gehirn, je nachdem wo es ausgeschüttet wird und welche neuronalen Netzwerke Dopamin verwenden“, erklärt Volker Busch, der sein Wissen im Podcast „Gehirn gehört“ und in Bestsellern wie „Gute Nacht, Gehirn“ oder „Kopf frei!“ (beide Droemer Taschenbuch) weitergibt. „Dopamin ist Hauptakteur im Belohnungssystem und wird ausgeschüttet, wenn wir etwas unbedingt wollen, also einen ganz starken Antrieb empfinden. Das kann beispielsweise der Gedanke an die Schokolade in der Schublade sein, die ich jetzt unbedingt haben möchte. So gesehen ist Dopamin kein Stoff, der uns glücklich macht.“

Wenn wir bekommen, wonach wir uns sehnen, ist nicht das Dopamin für dieses Hochgefühl verantwortlich, es sind vielmehr die körpereigenen Opiate, die Endorphine und andere Botenstoffe wie das Oxytocin (im Volksmund: Kuschelhormon). Dopamin ist „nur“ der Neurotransmitter der Belohnungserwartung. Der Botenstoff  ist aber für noch viele andere unverzichtbare Funktionen essentiell wie beispielsweise die Steuerung von Bewegungsabläufen. Ein Mangel an Dopamin führt unter anderem zu Parkinson. Auch Depres­sionen stehen vermutlich in Verbindung mit ­einem Mangel an diesem Neuromodulator, der sich in Antriebs- und Freudlosigkeit ausdrückt. Auch ADHS könnte mit einem Dopaminmangel zu tun haben, da es für die Konzentration eine große Rolle spielt.

Im Alltagsgrau dürfen wir uns auch Momente gönnen,
in denen wir einfach nur geniessen.

Im Belohnungssystem wird Dopamin bei allem ausgeschüttet, was uns guttut und gefällt: Erfolg, Lob und Anerkennung, ein Schnäppchen beim Shoppen, der zärtliche Blick oder die Umarmung eines geliebten Menschen, ein Stück Kuchen … All das wollen wir wieder und wieder erleben. So reagieren die Nervenzellen, die Dopamin produzieren, immer häufiger schon dann, wenn nur die Aussicht auf etwas Wohltuendes besteht.

So können alltägliche Verführungen – Süßigkeiten, Social Media, Schnäppchen-Jagd, Glücksspiel, Sport, Musik, Sex – sehr viel Macht bekommen. Eine „Dopaminsucht“ gibt es zwar nicht, aber sehr wohl Verhaltensmuster, die etwas Zwanghaftes zu haben scheinen. Statt sich endlich über die Steuererklärung oder an den Hausputz zu machen, fühlt man sich magisch angezogen vom Handy, von der Tüte Fruchtgummi oder von der Online-Shoppingmall. Schnell ist eine halbe Stunde vergangen, ein paar Euro weniger sind auf dem Konto oder einige ungesunde Kalorien mehr im Bauch. Und die To-do-Liste ist um keinen einzigen Punkt kleiner geworden.

Sind wir wieder mal schwach geworden? Führt uns unser Dopamin also häufig am Nasenring durch die Manege? „Die Trennschärfe zwischen Liking im Sinne von Mögen und Wanting im Sinne von Verlangen ist im Alltag nicht immer ganz eindeutig zu ziehen“, erklärt Volker Busch. „Die Unterscheidung beschreibt zwei getrennte Gehirnsysteme für Belohnung. Liking ist das bewusste Erleben von Freude, während Wanting für das Verlangen steht, das oft drängend ist, aber nicht immer Vergnügen bedeutet. Ein Beispiel: Die Sehnsucht nach Freunden bleibt konstant – das Liking. Der Heißhunger auf Schokolade dagegen verschwindet wieder, selbst wenn man keine gegessen hat – das Wanting. Das Liking-System bleibt auf einem niedri­geren, aber gleichbleibenden Niveau. Das Wanting-System kommt oft so überfallartig, dass wir uns nicht erwehren können.“

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Illustration: Geraskina Taisiya / shutterstock.com

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